"Ich habe nicht wenig zu erzählen." Präsentation neu entdeckter Postkarten von Thomas an Heinrich Mann (23.11.2012 - 4.1.2013)
Ein seltener Glücksfall für die Forschung, ein herausragender Zuwachs für die Sammlung: Heinrich Manns Enkel Jindrich und Ludvik fanden in alten Unterlagen ihrer Mutter - Heinrich Manns Tochter Leonie - ein Konvolut von 81 handgeschriebenen Karten. Bei dem Fund handelt es sich um Brief- und Postkarten, die Thomas Mann in den Jahren 1901 bis 1914 und 1922 bis 1928 an seinen älteren Bruder schickte. Der Erwerb der Dokumente wurde jetzt mit Mitteln der Kulturstiftung der Länder, des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Lübecker Possehl-, sowie der Dräger-Stiftung realisiert.
Ein ambivalentes Verhältnis hatten Thomas und sein vier Jahre älterer Bruder Heinrich Mann zeit ihres Lebens. Nicht nur Kokurrenzgebahren um Ruhm und schriftstellerische Ehre bestimmte ihre Beziehung, auch politische Unstimmigkeiten wie Thomas’ Befürwortung des Ersten Weltkriegs und Heinrichs streng pazifistische Haltung führten zeitweise zur völligen Funkstille. Selbst im Kindesalter sollen sie bereits ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen haben. Es folgten aber auch immer wieder Zeiten des künstlerischen Austauschs, allerdings zum großen Teil aus sicherer Entfernung auf dem Postweg.
Bislang unbekannte Belege solcher Kommunikation sind nun wieder aufgetaucht. Die Karten stammen hauptsächlich von Urlaubsreisen und offenbaren vielfältige Inhalte: den Austausch von Informationen über das Wetter, Terminabsprachen, Glückwünsche, Grußworte an die Familie, jedoch auch Kritik am literarischen Schaffen Heinrichs oder Reaktionen auf Ratschläge des älteren Bruders. Auch geben sich die Brüder gegenseitig Literaturtipps und verweisen auf Zeitungsartikel und neue Bücher und diskutieren kontrovers über politische Themen. Doch vor allem finden sich in den Postkarten wichtige Anhaltspunkte über das wechselhafte Verhältnis der Brüder, zu Thomas Manns Sicht auf seine eigene Stellung in der Literaturwelt, aber auch zur Auseinandersetzung Thomas Manns mit den häufigen Vergleichen mit seinem Bruder in der Öffentlichkeit. Diese bedeutende Sammlung konnte nun mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Lübecker Possehl-, sowie der Dräger-Stiftung für das Lübecker Buddenbrookhaus erworben werden, nachdem es von Nachfahren Heinrich Manns, den Enkeln Jindrich und Ludvik, zum Kauf angeboten worden war.
Bemerkenswert ist, dass Thomas Mann die Postkarten offensichtlich bereits in dem Bewusstsein schrieb, dass die Nachwelt sich für diese Schriftstücke interessieren würde. Detailliert schildert er seine persönlichen Erfahrungen bei seiner ersten Lesung in Lübeck, seinen Paris-Aufenthalt oder sein Treffen mit Mary Smith in Florenz. Durch die Berichte des späteren Literaturnobelpreisträgers werden auch die Reisewege, die er zurücklegt, nachvollziehbar, und die Postkarten ergänzen die bereits bekannten Daten seiner Reisen mit lebendigen, bisher unbekannten Details. Zudem füllen sie Lücken in bislang umstrittenen oder unbekannten Aspekten in Thomas Manns Leben, decken sie doch genau den Zeitraum ab, in dem keine Tagebücher überliefert sind: Erst ab 1933 sind vergleichbare private Aufzeichnungen des wichtigsten deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts erhalten.
Dank des aktuellen Ankaufs besteht nun die Möglichkeit, die neu entdeckten Karten zusammen mit den bereits vorhandenen Schriftstücken in einer neuen Edition zu veröffentlichen. Eine Auswahl der Karten ist ab dem 23. November im Buddenbrookhaus zu sehen.









