Text 2 von Theresa Lissy Six

Der Untertan ‒ anwendbar auf die heutige Zeit? 

von Theresa Lissy Six

Der Roman Der Untertan von Heinrich Mann ist allseits bekannt und für die diesjährigen 12. Klässler sogar Pflichtlektüre in der Schule. Der Roman behandelt das Bild der Gesellschaft zur Kaiserzeit in Deutschland. Genauer betrachtet wird hier das sadomasochistische Charakterbild, welches durch die Hauptfigur Diederich Heßling dargestellt wird. Der masochistische Teil seiner Persönlichkeit lässt ihn großen Respekt vor Autoritäten bis zur Unterwürfigkeit haben. Gleichzeitig lebt er aber auch seine sadistische Seite an Personen aus, die in der Gesellschaft einen niedrigeren Rang haben als er. Hier legt er ein selbstgefälliges und arrogantes Verhalten an den Tag.

Nachdem und auch schon während der Roman im Unterricht besprochen wurde, stellten sich folgende Fragen, die in diesem Kommentar beantwortet werden sollen: Der Roman wird in der Literatur als ein Klassiker beschrieben und behandelt. Ein Klassiker zeichnet sich dadurch aus, dass er auch noch auf unsere heutige Zeit anwendbar ist, beziehungsweise Einfluss auf diese hat. Doch sollte Der Untertan tatsächlich als ein solcher gesehen werden? Findet sich das Bild der in dem Roman dargestellten Gesellschaft auch heute wieder? Die Meinungen, ob und wenn ja inwiefern der Roman nach wie vor auf unsere Zeit anwendbar ist, unterscheiden sich stark.

So sagte beispielsweise Heinrich Mann im Jahr 1929 selbst, dass der Charakter des Untertanen völlig aus Deutschland verschwunden sei. Auch Josef Joffe findet 100 Jahre später, dass sich die Gesellschaft verändert und weiterentwickelt habe. Zugegeben wäre eine gänzlich andere Erkenntnis auch traurig und rein faktisch falsch. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass es durchaus Personen gibt, die die Anwendbarkeit des Romans auf die heutige Gesellschaft bezweifeln und somit auch dem Werk als Klassiker skeptisch gegenüberstehen.

Vertreten ist aber auch die gegenteilige Meinung: So bezeichnen Andrea Bartl und Marina Münkler den Roman als zeitlos und er sei auf unsere Zeit anwendbar ‒ so etwa das sadomasochistische Charakterbild. Marina Münkler zum Beispiel vergleicht den Untertanen mit der „Querdenker“-Bewegung. Obwohl das sadomasochistische Charakterbild nicht unbedingt mehr in dem Ausmaß existiert, wie zu dem Zeitpunkt als der Roman geschrieben wurde, gibt es immer noch Personen und Personengruppen, die diesem entsprechen.

Da die Lebensgeschichte Diederichs, oder viel eher gesagt sein Weg zum Untertanen erzählt wird, erhält man als Leser:in einen tiefen Einblick in die damalige Gesellschaft. Man kann nachvollziehen, wie es durch die Denkweisen dazu kommen konnte, dass sich der Typ des Untertanen entwickeln konnte. Ausschlaggebend dafür sind vorerst die Rangordnungen zwischen verschiedenen Personen. So steht zum Beispiel Diederich Heßling über seinen Schwestern und seiner Mutter, aber unter seinem Vater. Ein anderes Beispiel ist die Hierarchie innerhalb seiner Heimatstadt Netzig. So steht der Bürgermeister über Diederich und seine Angestellten im Betrieb stehen unter ihm.

Essentiell für diese Rangordnungen ist das Frauenbild der damaligen Gesellschaft. Die Frauen belegen ausschließlich die untersten Ränge der Gesellschaft. Eine Frau steht automatisch unter dem Mann und hat zu tun, was der Mann ihr sagt, befiehlt und vorschreibt. Das Bild der Frau entspricht dem Stereotyp einer Hausfrau. Sie muss den Haushalt erledigen und Kinder gebären ‒ vorzugsweise Jungen. Diese hat sie zu erziehen. Neben diesen ganzen Aufgaben soll sie gleichzeitig gut aussehen und immerzu freundlich, höflich und zuvorkommend sein. Eine Frau, die vor ihrer Ehe keine Jungfrau mehr ist, ist von minderem Wert und nicht mehr heiratsfähig. Glücklicherweise hat sich das Frauenbild in den letzten 100 Jahren stark verbessert. Die Frau ist gesellschaftlich dem Mann gegenüber gleichberechtigt. Doch obwohl sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat, ist es trotzdem nicht ungewöhnlich, dass eine Frau im Durchschnitt weniger verdient. Man hört oft genug von Familien, in denen das veraltete Frauenbild immer noch vorherrscht und der Mann das „Familienoberhaupt“ darstellt. Auch wenn es solche Strukturen heutzutage eigentlich nicht mehr geben sollte, so ist es doch leider nichts Ungewöhnliches. Der Mann der Familie, der auf der Arbeit wahrscheinlich keine sonderlich hohe Stellung innehat, lebt mitunter zu Hause seinen beruflichen Frust ‒ seine sadistische Seite ‒ aus. Nicht selten kommt es dabei zur häuslichen Gewalt. Gerade während der Covid 19-Pandemie stiegen die Fälle häuslicher Übergriffe drastisch.

Damit wäre klar, dass das Thema des Romans Der Untertan auch heute noch aktuell ist. Teile des damaligen Gesellschaftsbildes lassen sich definitiv auch in der heutigen Gesellschaft noch wiederfinden. Auch wenn sich diese seit dem Erscheinen des Romans 1914 weiterentwickelt und verändert hat, kann Heinrich Mann auch der heutigen Gesellschaft noch einen Spiegel vorhalten, Missstände kritisieren und ihr bewusst machen, dass moralischer Fortschritt nötig ist, obwohl wir mittlerweile das Jahr 2022 schreiben.

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