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Text 12 von Franziska Schonebeck

Der Untertan – völlig verstaubt oder doch brennend aktuell? 

von  Franziska Schonebeck 

Verstaubte Sprache, Erzählungen aus einem durchschnittlichen Mittelklasseleben, ein längst verstorbener Autor – da drängt sich die Frage auf, ob man den Roman Der Untertan von Heinrich Mann wirklich noch lesen und vor allem im Unterricht behandeln muss. Wie viel Mehrwert steckt darin? Kann das „Herbarium des deutschen Mannes“, wie Kurt Tucholsky den Roman einst bezeichnet hat, auch heute noch überzeugen? 

Mir persönlich fiel es schwer, einen Zugang zu dem Geschriebenen zu finden. Inhaltlich konnte es mich leider kaum abholen, die Handlung zog sich in die Länge und das Leben Heßlings und dessen Figur begeisterten mich auch nicht. Es fiel mir schwer, eine Bindung zu ihm oder anderen Figuren aufzubauen, da kaum ein gutes Haar an den Personen gelassen wurde. Auch die Anknüpfungspunkte zu meinem Leben waren zu gering, als dass ich aus dem Roman für mich persönlich etwas mitgenommen oder die Thematik mich weiter beschäftigt hätte. Die sprachliche Gestaltung hat mir das Lesen leider ebenfalls nicht weiter erleichtert, da der Roman von langen Sätzen und schwieriger, alter Sprache geprägt ist. 

Überraschung – auch anderen Schüler:innen ergeht es wie mir. So berichtet der Journalist Tilman Spreckelsen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" darüber, dass einige Schüler:innen sogar Beschwerden über den Roman Unterm Rad von Hermann Hesse beim Verlag eingereicht hätten. Ob dieser nicht den schweren Satzbau oder die unverständlichen Wörter zugänglicher machen könne? Für mich (genauso wie für diese anderen Schüler:innen) ist die sprachliche Gestaltung ebenso wie der Inhalt, die Darstellung der Figuren und die Anknüpfungspunkte an mein Leben Teil einer guten Leseerfahrung, weshalb ich dem reinen Lesen wenig abgewinnen konnte. Es endete damit, dass ich den Rest des Romans in gekürzter Fassung hörte. 

Dies änderte sich allerdings, als wir begannen, den Untertan im Unterricht zu behandeln. Als ich mehr darüber erfuhr, wie die Situation in der Gesellschaft zu dieser Zeit wirklich war und was Heinrich Mann beabsichtigt hatte. Das gesamte Verhalten Heßlings ergab auf einmal vor dem Hintergrund der Untertan-Thematik und der gesellschaftlichen Haltung Sinn – und mehr sogar: Es weckte mein Interesse. Die Weiterarbeit mit dem Roman machte Spaß. So fand ich es spannend, mehr über die Gedanken Manns beim Schreiben, die Kontrastierung der Selbstwahrnehmung Heßlings und der Wirklichkeit sowie über die satirische Erzählweise zu erfahren. Hier wurden mir die Genialität Heinrich Manns und die Einzigartigkeit des Romans vor Augen geführt, die sich mir zu Hause nicht erschlossen hatten. 

Dieses Interesse an den Hintergründen des Romans verstärkte sich durch den Inhalt, der in meinen Augen an Aktualität gewann. Heßling handelte also nicht nur als Figur, sondern stand sinnbildlich für die Bewegung einer ganzen Epoche. Die extreme Unterwerfung vor Höhergestellten, die Demonstration und Ausnutzung der (vermeintlichen) eigenen Macht und der Verzicht auf eigene Verantwortung begünstigten sicher die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Dies im Kopf zu behalten und deshalb in Alarmbereitschaft zu sein, könnte eine Möglichkeit sein, Wiederholungen der Geschichte zu verhindern. Diese Aufklärung, die der Roman leisten kann und sollte, bezeichnet Heinrich Mann sogar selbst in seinem Vorwort als äußerst relevant, da die Menschheit dazu neige, warnende Geschichte schnell zu vergessen. Insofern ist es also umso wichtiger, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Im Untertan findet man dafür einen sehr spannenden Ansatz. 

Abgesehen davon, wie repräsentativ dieser Charakter für die damalige Gesellschaft ist, zeichnet Heinrich Mann mit Diederich Heßling doch auch ein scharfes Bild eines bestimmten Persönlichkeitstyps. Und die Betrachtung dieses Typs hat mit Sicherheit heutzutage ebenfalls eine ganz eigene Relevanz. Aus der Perspektive der Literaturwissenschaftlerin Andrea Bartl ist Diederich Heßling jedenfalls „der verwöhnte Fabrikantensohn, einerseits Mitläufer ohne Rückgrat, der Untertan, andererseits ein Choleriker, ein Lebemann, Egoist und Tyrann“ (Heinrich Manns Der Untertan bleibt ein zeitloses Phänomen). Dies sind Eigenschaften, die auch heute immer wieder auftauchen. 

Ein populäres Beispiel findet sich in den Vereinigten Staaten, in denen es eine Ausprägung dieses Typus sogar vor ein paar Jahren an die Macht geschafft hat. Das „Phänomen Trump“, wie es auch in einem einschlägigen Buch von Naomi Klein heißt, fußt auf Mitläufertum, extremem Egoismus und Brutalität: Wer von einigen Frauen wegen sexueller Belästigung angeklagt wurde, die Anklägerinnen aber mit Geld zum Schweigen bringt, ist egoistisch. Wer ohne eine schlüssige Erklärung die stärkste nicht-nukleare Bombe über einen Tunnelkomplex in Afghanistan abwirft, ist brutal. Wenn eine solche Person an die Macht gelangt, liegt die Ursache unter anderem bei einem Mitläufertum, das ihr den Rücken deckt. Hier wird offensichtlich, welch große Relevanz das Thema und dieser Persönlichkeitstyp auch heute noch hat. 

Also bitte: Behandelt diesen Roman und setzt euch damit auseinander. Wenn ihr jedoch von der hohen Seitenzahl und der antiquierten Sprache abgeschreckt seid, ist das nicht verwunderlich. Das anstrengende Lesen zu Hause ist dringend überholungsbedürftig. Wie wäre es mit kreativeren Wegen bei der Erschließung des Inhalts? Der Roman könnte zum Beispiel als Hörbuch rezipiert, mit verteilten Rollen im Unterricht gelesen, Teile zu Hause erarbeitet oder gekürzte Versionen genutzt werden. So reizt nicht nur die Weiterarbeit mit dem Roman, sondern auch dessen inhaltliche Erarbeitung.

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