Text 4 von Anselm Grevemeyer

Ein russischer Heßling – Heinrich Mann hat es schon immer gewusst!

Was das grausame Vorgehen der russischen Armee in der Ukraine mit Heinrich Manns Der Untertan zu tun hat.

von Anselm Grevemeyer

 

Klassiker. Im Deutschunterricht oft die viel gehasste Pflichtlektüre für alle Schüler:innen. Die alte Sprache, der langweilige Plot, kryptische Charaktere. Dazu kommt, dass die Bücher oft schon vor hunderten von Jahren geschrieben wurden. Was geht mich denn das an? Fragen sich da viele. Ich gebe es offen zu: Zu Beginn habe ich auch so gedacht. Besonders, als ich gesehen habe, wie lang Der Untertan ist. Während der Lektüre habe ich mich immer wieder gefragt, was mir das eigentlich bringen soll.

Ich fand es zwar auch interessant, die Kritik an der Wilhelminischen Gesellschaft zu verstehen, aber so wirklich notwendig fand ich das Buch trotzdem nicht. Und erst mit der Zeit ‒ genauer gesagt ‒ erst in den letzten Wochen, ist mir klar geworden, warum das Buch noch heute von enormer Relevanz ist: Das Problem ist, dass mir und vielen anderen beim Verständnis des Buches ein fataler Fehler unterlaufen ist, nämlich den Roman als eine reine Kritik an eben dieser kaiserlichen Gesellschaft zu verstehen. Denn diese Kritik hat in der Tat für jemanden, der kein Historiker ist, keine Relevanz mehr, da das Kaiserreich vor 100 Jahren untergegangen ist.

Und damit wir uns nicht falsch verstehen, natürlich ist Der Untertan auch eine Kritik an der kaiserlichen Gesellschaft und dem autoritären Regime, das damals herrschte. Aber wie Heinrich Mann in einem Brief an Paul Hatvani 1922 selbst anmerkte, würden die (allgemeingültigen) menschliche Verhältnisse den Machtverhältnissen in der Gesellschaft zu Grunde liegen. Nein, Der Untertan muss als ein Beispiel für einen Typ Mensch verstanden werden, der von autoritären Regimen geprägt wird und der „nach oben buckelt und nach unten tritt“. Ein Mensch, der Unterdrückung erfahren hat und selbst zum Unterdrücker von Schwächeren wird.

Damit beschreibt Heinrich Mann einen zutiefst menschlichen Aspekt, der nicht nur in der Wilhelminischen Gesellschaft, sondern auch andernorts auftaucht. Zum Beispiel beim brutalen Vorgehen der russischen Armee in der Ukraine und den Kriegsverbrechen, die dort tagtäglich von russischen Soldaten begangen werden. Doch die Soldaten sind nicht nur Täter, sie sind auch Opfer. Sie sind Opfer der eigenen Armee. In der russischen Armee geht es sehr brutal zu: Es ist dort an der Tagesordnung, dass junge Rekruten geschlagen, erniedrigt und sogar vergewaltigt werden. Andrei S. Sytschow war Rekrut in einer Panzeroffiziersschule, wo er in der Silvesternacht 2005 nach einem Streit von älteren Rekruten stundenlang so schwer verprügelt wurde, dass später beide Beine amputiert werden mussten.

Es kam zu einem öffentlichen Skandal, der allerdings keine Folgen hatte. Jedes Jahr sterben in der Armee 2.000 Menschen, vermutlich der Großteil aufgrund von Misshandlungen. Auch Diederich Heßling ist von seinem Vater oft schlecht behandelt und geschlagen worden. Doch auch er hat schon in jungen Jahren begonnen, Gewalt auszuüben, etwa an einem jüdischen Mitschüler in seiner Klasse. Später hat er immer wieder seine Rolle als derjenige, der die Gewalt ausübt, genossen und sich wohl und stark gefühlt, so zum Beispiel, als er Agnes Göppel fallen gelassen hat ‒ vorgeblich aufgrund ihrer Sitte, doch eigentlich aufgrund von sozialdarwinistischen Überzeugungen und der Angst, sie könne das „Weiche“ in ihm wecken.

In dem Roman gibt es immer noch höhere „Mächte“, die über Diederich Heßling verfügen können wie der Regierungspräsident von Wulkow. Diese Mächte kümmern sich kaum um ihn, sondern betrachten ihn nur als ein Mittel zum  Zweck. Auch im Ukrainekrieg zeigt sich immer wieder, dass die russischen Soldaten oft nur als menschliche Munition verwendet und ohne klare Befehle allein gelassen werden oder aufgrund von schlechter Logistik und Ausrüstung zu Hunderten sterben. Wie Heßling versuchen einige von ihnen, sich in ihrer eigenen kleinen Welt mächtig zu fühlen. Und was daraus resultiert, ist in Heßlings Fall bestens unsympathisch, im Fall des Krieges jedoch unmenschlich.

Der Untertan ist dabei nur ein Beispiel von vielen für klassische Lektüren, die auch heute noch aktuell sind. Man könnte Woyzeck oder Der Verbrecher aus verlorener Ehre anführen, die sich beide mit der Ursache von Verbrechen befassen und somit wie Der Untertan versuchen, das Handeln von Menschen zu verstehen. Dennoch gibt es noch Werke wie Lessings Drama Nathan der Weise, das sich mit dem Zusammenleben von Religionen beschäftigt. All diese Klassiker und noch viele mehr widmen sich zeitlosen Problemen der Menschen, die in der Vergangenheit oder der gegenwärtigen Zeit spielen und damit für manche heute als irrelevant erscheinen. Aber das sind sie nicht und werden sie auch nie sein.

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