Text 13 von Johanna von Conta

Hat Der Untertan seinen Sinn vertan?

Warum wir daran arbeiten müssen, wie wir Schüler:innen das Klassikerlesen näherbringen.

von Johanna von Conta

Es stimmt, die Themen von damals sollten nicht aus dem Blickfeld geraten. Zweifelsohne haben Zeitgenossen anders auf ihre Realität geblickt, als wir es heutzutage tun und es ist nicht zu bestreiten, dass es nicht schaden kann, wenn in den Unterricht die ein oder andere zeitgenössische Quelle eingebunden wird. Was jedoch auch nicht zu bestreiten ist, ist die Tatsache, dass kaum ein:e Jugendliche:r Lust hat, ein 500-Seiten-Buch durchzuackern. Entweder man liest Heinrich Manns  Untertan mit den zahlreichen Fußnoten und kommt überhaupt nicht in den Lesefluss, weil man bei jedem dritten Satz ans Ende des Buches blättern und die gesuchte Stelle finden muss, oder aber, man macht es wie die meisten eben nicht. In diesem Fall versteht man allerdings auch kaum einen Zusammenhang, weil all die Andeutungen und vielen Worte, die der Autor damals gebraucht hat, heutzutage nicht mehr geläufig sind – und in unserer Generation auch nicht mehr verstanden werden.

Ja, man sollte sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Aber die, die dazu wirklich bereit sind und sich damit beschäftigen wollen, werden entweder von alleine Klassikerlektüren lesen, oder – was in den meisten Fällen vermutlich wahrscheinlicher ist – andere Wege finden, um sich weiterzubilden. Und so gut Bücher von damals Augen öffnen können, so gut (und teils noch besser) können das einfacher geschriebene Bücher von heute mit nicht ganz so kompliziert-verschachtelten Sätzen. Die hingegen, die ohnehin kein großes Interesse haben, sich intensiver mit der Vergangenheit zu beschäftigen, werden wohl keines dadurch bekommen, dass ihr:e Lehrer:in ihnen ein fettes Buch auf den Tisch knallt, dass sie bitte so schnell wie möglich durcharbeiten sollen. Wenn man sich nicht darauf einlassen will, etwas mehr von der Geschichte unserer Vorfahren zu verstehen, dann wird eine Lektüre mit fast 60 Seiten an Begriffserklärungen einen wohl nicht vom Gegenteil überzeugen können.

Ich will nicht abstreiten, dass man Bücher von damals lesen sollte. Das ist nicht der Grund für diesen Kommentar. Unsere Generation ist vielleicht nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist, aber dafür, dass es nicht nochmal geschieht. Und deshalb ist es auch wichtig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Wenn man aber solche Lektüren in der Schule liest, dann ist es vielleicht förderlicher, wenn man es bei kürzeren Büchern, wie beispielsweise Woyzeck oder Der Verbrecher aus verlorener Ehre, belässt. Die sind zwar auch manchmal ganz schön hart zu knacken, aber allemal weniger überfordernd, weil man sich dabei viel leichter mit den Szenen auseinandersetzen und auch jede einzelne davon mit dem Kurs besprechen kann, was – wenn wir ehrlich sind – beim Untertan im Unterrichtsrahmen schlichtweg nicht möglich ist. Etwas anderes, das mich und viele andere stört, ist der Umgang mit der Diskriminierung in den Büchern von früher. Damit meine ich nicht, dass man verharmlosen sollte, wie es damals war. Im Gegenteil: Es ist wichtig, dass uns die schrecklichen Seiten gezeigt werden.

Das, was mir ein Dorn im Auge ist, ist die Tatsache, dass meist auf die Vergangenheit gezeigt und gesagt wird, wie furchtbar damals doch alles gewesen ist, wie schlecht beispielsweise mit Frauen, Juden, Homosexuellen und Nicht-Weißen umgegangen wurde. Das wird meist getan, ohne einen besonderen Blick auf die Gegenwart zu werfen. Denn so wie es Sexismus damals gab, gibt es ihn auch heute, so wie es Antisemitismus gab, gibt es ihn heute, so wie es Queerfeindlichkeit gab, gibt es sie noch heute, und so wie es Rassismus gab, gibt es leider auch diesen noch heute. Es reicht nicht, sich Stunde für Stunde mit den Schrecken von früher zu befassen, wenn wir die von heute ignorieren. Wir reden über den Krieg in der Ukraine, aber nicht über den in Syrien. Wir reden über den Holocaust zur NS-Zeit, aber nicht über die Uiguren in China. Wir reden über Rassismus, Sexismus und Homophobie früher, aber nicht darüber, dass all das genauso heutzutage thematisiert werden sollte. Nein – sollen ist das falsche Wort: dass es thematisiert werden muss. Denn nur so kann auf eine bessere und zumindest etwas weniger ungerechte Zukunft gehofft werden.

Viel zu viele meinen, dass Feminismus nicht mehr gebraucht wird ‒ und prompt stehen die Frauen der Vereinigten Staaten vor einem Verbot des Abtreibungsrechts. 1932 wurden homosexuelle Handlungen in Polen legalisiert und 87 Jahre später werden in demselben Land etwa 40 verschiedene LGBT-freie Zonen eingerichtet. Jungs wird immer noch von klein auf weisgemacht, dass es unmännlich sei, Gefühle zu zeigen und auszudrücken, so dass toxische Männlichkeit nach wie vor einen Großteil der Gesellschaft prägt. Dass wir Mädchen in Deutschland zur Schule gehen können, mag wie eine Selbstverständlichkeit wirken, aber Mädchen in Afghanistan wird der Schulbesuch nun wieder verwehrt. Es wird gesagt, Rassismus sei von gestern, dabei ist der rassistisch-motivierte Angriff von sechs Männern auf eine türkische Jugendliche an einer Berliner Bahnstation erst in diesem Jahr passiert.

Reden wir über all das? Wenn, dann nicht genug. Und nein, ich sage nicht, dass wir uns nicht mit der Vergangenheit beschäftigen sollten. Ich sage bloß, dass wir manchmal noch etwas mehr Wert darauf legen müssen, an der Gegenwart zu arbeiten. Man muss nicht den ganzen 500-Seiten-Untertan und fünf weitere Lektüren lesen, um ein Verständnis für Geschichte zu entwickeln. Es ist viel hilfreicher, prägnante Ausschnitte zu lesen, mit denen man sich dann intensiver beschäftigen kann. Und vor allem ist es wichtig, bei alledem nicht die Ungleichheiten der Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Nach oben scrollen