Text 15 von Viktoria Haas

Nicht ob, sondern wie

von Viktoria Haas

„Muss das sein?“ – Genauso oder ähnlich tönte es aus dem Deutschleistungskurs Ende 2021 als es hieß, der Brocken von knapp 500 Seiten müsse bitte in wenigen Wochen fertiggelesen werden. Der Roman sei zum Bedauern einiger angehender Abiturient:innen neuerdings Pflichtlektüre.

Nun hat der Titel Der Untertan keinen allzu ästhetischen Klang, um das Interesse der Schüler:innen am Inhalt wecken zu können. Ein Blick auf das trostlose Buchcover in Magenta, das aus Gründen der Kostenersparnis einem Cover mit Abbild bevorzugt wurde, genügte, um jeden letzten Funken Lesemotivation im Keim zu ersticken.

Während der Großteil sogleich mit dem Langzeitprokrastinieren begann und den Roman in der Schultasche verstaute, wagten die ersten einen Blick ins Innere des Druckerzeugnisses. Nicht nur haptisch anhand der Breite des Buches, sondern auch visuell wollte man sich einen Eindruck vom Leseumfang verschaffen. Nach anfänglichem Gejammer über den komplizierten Satzbau dann ein erster Freudenausbruch: fast 100 Seiten Anhang! Ein erster Versuch, sich das Lesen irgendwie schmackhafter zu machen. Ob es sinnvoll ist, das Buch zu lesen? Immerhin ist es als Bestseller in die Literaturgeschichte eingegangen und hat sich gegenüber anderen zeitgenössischen Werken durchgesetzt.

Heinrich Manns Der Untertan hat also seinen Daseinsgrund, wieso eigentlich? Auf eine halbwegs beantwortete Frage folgt eine weitere, noch kritischere. Diese Fragen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung, wenn es darum geht, die Absichten derer zu verstehen, die den Satireroman scheinbar guten Gewissens im Kerncurriculum ergänzt haben. Ja wieso ist Der Untertan denn eigentlich so relevant? Über diese Frage zerbrechen sich nicht nur promovierte Literaturwissenschaftler:innen den Kopf, sondern nun auch wir Pseudo-Analytiker:innen im Zuge des Leseprozesses. Über die Antwort aber scheint Einigkeit zu herrschen: Was Heinrich Mann da bereits 1906 in Anfängen beschrieben hat, das darf sich nie wieder wiederholen. Eins muss man ihm lassen: Sein Roman ist erschreckend vorausschauend, greift schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Typus des autoritären Charakters unter Machtverhältnissen auf und zeichnet mit seinem Protagonisten Diederich Heßling bereits 1914 das Bild des perfekten Nazis. Heinrich Mann hat also eine erstaunliche Beobachtergabe, was die Soziologie von Gesellschaften betrifft. Menschen aller Generationen über die Missstände der Vergangenheit zu unterrichten, ist unabdingbar, um Wiederholung vorzubeugen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Inhalt im schulischen Rahmen. Wo, wenn nicht in der Schule, wird derartig kritisches Hinterfragen erprobt, wie es im Zusammenhang mit einem Roman wie diesem der Fall ist?

Nun ist das Gesagte richtig und wichtig, wäre da nicht die Hürde mit dem angesprochenen Leseverständnis. Ja, Vermittlung muss geschehen, vielleicht aber nicht unbedingt in der Form, wie wir sie heute in den meisten Schulen vorfinden. Wie soll eine Wiederholung solcher Entwicklungen nachhaltig vorgebeugt werden, wenn die halbe Leserschaft nichts mit dem Gelesenen anfangen kann? Die Frage ist also weniger, ob Der Untertan überhaupt gelesen werden sollte, sondern vielmehr wie seine Inhalte besser vermittelt werden könnten. Genügt es vielleicht schon, das Buch in komprimierter Form und in Ausschnitten zu lesen? Oder sollte man eine Version in moderner Sprache für die junge Generation entwerfen? Beim Umschreiben besteht allerdings die Gefahr einer Verfälschung, wie es bei Verfilmungen von Büchern oft der Fall ist. Nicht selten wird der Handlungsstrang zugunsten eines besseren Verständnisses verändert, ergänzt oder einzelne Szenen werden ganz weggelassen. Als Ergänzung zum Originaltext erscheint mir der umgeschriebene Text dennoch sehr sinnvoll.

Immerhin bedienen sich Schüler:innen bereits jetzt ähnlicher Hilfsmittel, wie etwa Zusammenfassungen in moderner Sprache. Sie nutzen zudem Hörbücher und Podcasts oder Erklärvideos auf YouTube. Erfahrungsgemäß gehen auf diese Art und Weise dennoch keine wichtigen Informationen verloren. Dem Unterricht kann aber deutlich besser gefolgt werden. Diesen Aufwand machen sich die meisten Schüler:innen allerdings privat, zugunsten ihres eigenen Lernerfolges. Wieso aber nicht diese Methoden auch in den Unterricht integrieren?

Anstatt den kompletten Roman sollten vielmehr ausgewählte Ausschnitte im Original gelesen werden, um die Wortwahl und vor allem die satirischen Elemente zu bewahren, die das Buch zu bieten hat. Der Originaltext kann um Auszüge in moderner Sprache ergänzt werden und es wird gezielt am Verständnis des Gelesenen gearbeitet. Dazu könnten die Schüler:innen selbst eigene Erklärpodcasts für den Kurs über einzelne Ausschnitte erstellen. Solche vertiefenden Kreativaufgaben kommen bei striktem Frontalunterricht oft zu kurz, sie sind jedoch mehr als essenziell für ein besseres Verständnis.

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