Der Roman Buddenbrooks. Verfall einer Familie feiert 2026 seinen 125. Geburtstag. Aus diesem Anlass veranstalten das Buddenbrookhaus und die Musikhochschule Lübeck in Kooperation eine mehrteilige Ringvorlesung in der Villa Brahms. An insgesamt sieben Terminen sind hochkarätige Referierende nach Lübeck eingeladen.
Für das wohl erfolgreichste Debüt deutscher Sprache wird Thomas Mann 28 Jahre nach Erscheinen der Buddenbrooks mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der Roman erzählt das Schicksal der Kaufmannsfamilie Mann über vier Generationen hinweg – von ihrem gesellschaftlichen Aufstieg und ihrem finanziellen Niedergang. Formuliert der Text zwar einerseits den Abgesang auf das bürgerliche Zeitalter des 19. Jahrhunderts, verhandelt er andererseits aller historischen Verortung zum Trotz Themen von zeitloser Relevanz. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, von der Politik über die Religion, von der Familie über die Gesellschaft bis hin zur Arbeit, fragt der Text nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft.
Diese Themen nehmen sich die Redner:innen der Ringvorlesung als Anlass ihrer Vorträge.
Alle Vorträge der Ringvorlesung werden vom Musiktheoretiker Jan-Christian Wagner mit musikalisch kuratierten Werken gerahmt, die in Buddenbrooks eine zentrale Rolle spielen. So machen die Studierenden der Musikhochschule den Roman sinnlich erfahrbar und musikalisch hörbar.
Die Vorträge werden aufgezeichnet und im Nachgang online zur Verfügung gestellt. Die Videos finden Sie unten auf dieser Seite.
Termine und Themen
2026
Ringvorlesung „Eine Stadt liest einen Roman – 125 Jahre Buddenbrooks“
Marie-Louise Monrad Møller: "Erlesene Zeit – oder: zwischen Buddenbrooks und Brokkoli"
Was verbindet einen 125 Jahre alten Familienroman mit dem Alltag einer Debütautorin in Elternzeit?
Mental Load und Mutterschaft sind keine Modethemen – schon Tony Buddenbrook klagte über fehlende Zeit. Ausgehend von Thomas Manns Buddenbrooks und ihrem Debütroman Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart widmet sich Marie-Louise Monrad Møller in diesem essayistischen Vortrag den Herausforderungen des Schreibens im Alltag mit Kleinkind. Dabei kreist sie um anwesende und abwesende Mütter, authentische Väter, Fürsorge, Erinnerung und Fragen von familiärer Zugehörigkeit.
Marie-Louise Monrad Møller, 1986 in Odense/Dänemark geboren, wuchs in Schleswig-Holstein auf. Sie studierte Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Leipzig sowie Literarisches Schreiben in Biel/Bienne. An der Universität Leipzig promovierte sie in Kunstgeschichte über den norwegischen Maler J. C. Dahl. Literarische Veröffentlichungen erschienen unter anderem in Honich, Metamorphosen und Das Narr, außerdem ein Maro-Heft zum Thema „Schlaf“. Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart ist ihr Debütroman. Die Arbeit daran wurde mit einem Stipendium des Landes Schleswig-Holstein gefördert; der NDR wählte das Buch im März 2026 zum „Buch des Monats“.
Der Roman Buddenbrooks. Verfall einer Familie feiert 2026 seinen 125. Geburtstag. Aus diesem Anlass veranstalten das Buddenbrookhaus, das Brahms-Institut und die Musikhochschule Lübeck in Kooperation eine mehrteilige Ringvorlesung. An insgesamt sieben Terminen sind hochkarätige Referierende nach Lübeck eingeladen. Alle Vorträge der Ringvorlesung werden durch musikalische Werke, gespielt von Studierenden der Musikhochschule, begleitet.
Die Ringvorlesung findet im vierwöchigen Rhythmus statt. Der Einlass beginnt um 18:30 Uhr.
Im Anschluss laden wir Sie ein bei einem Getränk ins Gespräch zu kommen.
Bitte beachten Sie, dass es bei einigen Plätzen ggf. zu Sichteinschränkungen kommen kann.
Videos der Vorlesungen
Prof. Dr. Hans Wißkirchen: Der unsichere Mann – Männlichkeit und Maskerade in „Buddenbrooks“
Buddenbrooks sind auf den ersten Blick ein von Männern geprägter Roman des 19. Jahrhunderts. Sie treiben die Handlung voran. Sie bestimmen über die Frauen. Dass es um die Männlichkeit des Helden Thomas Buddenbrook eigentümlich bestellt ist, dass er immer mehr zum unsicheren Mann mutiert, der sich seiner Männlichkeit nicht mehr sicher ist und deshalb mit immer stärkerer Maskerade den starken und erfolgreichen Mann nur spielen kann, will der Vortrag zeigen. Buddenbrooks sind so gelesen ein sehr moderner Text, der in das 20. Jahrhundert vorausweist.
Prof. Dr. Hans Wißkirchen hat über Werke von Thomas Mann promoviert, war entscheidend am Aufbau des Buddenbrookhauses zu einer Gedenk- und Forschungsstätte beteiligt und als Direktor der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck bis Ende 2022 für die Museen der Stadt verantwortlich. Er ist Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft und Honorarprofessor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität zu Lübeck. Er hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Familie Mann geschrieben, war lange Jahre Mitherausgeber des Heinrich-Mann-Jahrbuchs und ist Mitherausgeber des Thomas-Mann-Jahrbuchs.
Susanne Fritz: „Aber am schlimmsten ist dein Schweigen“ – Die Familie Buddenbrook: Privileg und Abgrund
Thomas Manns vielschichtiger Familienroman Buddenbrooks lässt sich als Geschichte ungleicher Kräfteverhältnisse lesen. Mann und Frau, Eltern und Kinder, Privilegierte und Untergebene: Wenig geschieht aus reiner Liebe, ohne dass damit ein Zweck verfolgt oder familiären Erwartungen entsprochen würde. Viel Charme und Witz sind im Spiel, und doch ist der Roman Zeile für Zeile von Zwang durchweht, von der Forderung nach Gehorsam. Zwischen den durchaus sprachgewandten Familienmitgliedern wächst das Schweigen, das schwerer lastet als jedes Wort.
Susanne Fritz (*1964) schreibt Erzählungen, Romane, Essays und dramatische Texte. Eins ihrer zentralen Themen sind das Erbe der Gewalt und die verborgenen Auswirkungen der Vergangenheit auf das eigene Dasein. In Wie kommt der Krieg ins Kind (2018) begibt sie sich auf Spurensuche, erzählt von den schweren Traumata der Mutter und ihrer deutsch-polnischen Familiengeschichte im Wechsel der Zeitläufte. Zuletzt erschien ihr Roman Heinrich (2023), eine Spiegelfigur des Vaters, dessen Lebenslauf exemplarisch für seine Generation und die deutsche Nachkriegsgeschichte steht. Susanne Fritz ist der Familie Mann besonders durch Klaus Mann verbunden, dessen letzten abgeschlossenen literarischen Text Der Kaplan sie 2021 in einer kommentierten Ausgabe herausgeben hat.
PD Dr. Irmtraud Hnilica: „Grabow, Langhals, Brecht: Ärzte als Verfallskomplizen in Buddenbrooks“
„Ein wenig Taube, ein Scheibchen Franzbrot“ — diese Diät empfiehlt der Hausarzt der Buddenbrooks, Dr. Grabow, als dem kleinen Christian nach der Einweihungsfeier des Hauses in der Mengstraße von den genossenen Köstlichkeiten „verdammt übel“ ist. Von dieser ebenso fürsorglichen wie unwirksamen Empfehlung bis zu Thomas Buddenbrooks fatalem Besuch beim Zahnarzt Dr. Brecht: Wenn in Thomas Manns Roman Ärzte auftreten, markieren sie Stationen des Niedergangs. An den Figuren Grabow, Langhals und Brecht zeigt die Vorlesung, wie ärztliche Autorität den Verfall der Familie nicht aufhält, sondern als stille Komplizin begleitet.
PD Dr. Irmtraud Hnilica studierte Germanistik, Psychologie und Soziologie in Heidelberg, Paris und Freiburg und promovierte 2010 an der Universität zu Köln mit einer Arbeit zu Gustav Freytags Kaufmannsroman Soll und Haben. Sie ist als akademische Rätin an der FernUniversität in Hagen tätig, vertrat eine Juniorprofessur an der Universität Trier sowie eine Professur an der LMU München. 2023 Habilitation mit der Studie Raptusformeln. Entführungen im bürgerlichen Trauerspiel, Singspiel und Abolitionsdrama des 18. Jahrhunderts. Es folgten Gastprofessuren an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit September 2025 vertritt sie die Professur für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim.
Peggy Morenz und Michael Angern: "Condolenz-Visiten und Abschiedsscenen - Tod und Trauer in Buddenbrooks im Licht der neueren Gedächtnisforschung"
Wie erodieren Trauerriten vom festen Glauben zur totalen Sprachlosigkeit? Dieser Vortrag liest Buddenbrooks als Protokoll eines kulturellen Verlusts und wagt den Schritt zur Gegenwart im Kolumbarium DIE EICHE. Es geht um die offene Frage, ob wir für den Umgang mit dem Tod heute noch gültige Formen finden können.
Michael Angern ist Forstwissenschaftler und IT-Unternehmer. Peggy Morenz ist Porzellinerin, deren Zuhause die hohe Tischkultur ist. Zusammen sind sie Initiatoren und Betreiber des Kolumbariums DIE EICHE. Das Paar hat all seine Lebenserfahrung und Energie in den Erhalt des letzten bestehenden Gebäudes der Familie Mann in Lübeck gesteckt: Es hat den Mann’schen Kornspeicher als Stadtfriedhof für Urnen einer neuen, sinnstiftenden und lang in die Zukunft weisenden Nutzung zugeführt.
Veronika Schuchter: „Dumme Gans und femme fatale oder: Männer, die auf Frauen starren“
Die Frauenfiguren in Thomas Manns Werk wurden oft als wenig wichtige Nebenfiguren, als dümmlich oder gar dämonisch abgetan. In Buddenbrooks findet sich mit Tony Buddenbrook nicht nur die stärkste und unvergesslichste Frauenfigur Manns. Frauen sind zentral für die ritualisierte Aufrechterhaltung des Familienlebens der Buddenbrooks. Der Vortrag widmet sich den Frauenfiguren im Roman, insbesondere mit Blick auf den Zusammenhang von Ritus und Weiblichkeit.
Veronika Schuchter ist Senior Scientist am Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck und Leiterin des Innsbrucker Zeitungsarchivs zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur. Sie forscht schwerpunktmäßig zu Literatur-, Rezeptions- und Genderfragen sowie zur Gegenwartsliteratur und Exilliteratur. Kürzlich erschienen: Ernst Toller. Revolutionär Schriftsteller Antifaschist. Eine Biografie. Göttingen: Wallstein 2025.