Text 3 von Helene Schlesinger

Romeo, Casanova, Diederich und die Frauen:

Zurück ins 19. Jahrhundert mit unserer Gesellschaft?

 von Helena Schlesinger

Ein Gedankenexperiment

Stellen Sie sich einmal vor, die geschlechtsspezifische Verteilung der menschlichen Bevölkerung wäre anders gewichtet: Wie sähen die gesellschaftlichen Strukturen aus, würden Frauen Dreiviertel der Menschheit ausmachen? Sie wären die Repräsentantinnen der Regierungen und der mittlerweile fast übermächtigen Konzerne, oberste Richterinnen, Beamtinnen, Lobbyistinnen und Gesetzesschreiberinnen. Würden sie sich das Recht herausnehmen, über Körper und Freiheit der, in diesem Szenario in der Minderheit befindlichen Männer zu entscheiden? Würde wissentlich sexualisierte Diskriminierung ignoriert werden? Wäre es etwa theoretisch denkbar, dass eine chemische Sterilisierung jedes männlichen Menschen unmittelbar nach der Geburt durchgeführt werden würde, um ungewollte Schwangerschaften oder Sexualstraftaten zu unterbinden?
Würde daraufhin eine Art Führungsschein für das männliche Geschlecht eingeführt werden, den jeder 16- oder 18-Jährige für das Rückgängigmachen ebendieses, medizinischen Eingriffs bestehen muss? 

Roe vs. Wade

Diese Fragen klingen vielleicht absurd, doch im Grunde nichts anderes hatte der US-amerikanische Oberste Gerichtshofs am 24. Juni 2022 beschlossen: Die Körper amerikanischer Frauen gehören nicht länger ihren Eigentümerinnen oder besser: Sie befinden sich nicht mehr im Entscheidungsbereich derjenigen, die in ihnen und mit ihnen leben. Und das, obwohl sich die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gegen solch eine Gesetzesänderung ausgesprochen hat. Die Entscheidung hierüber fällten Brett Kavanaugh, Clarence Thomas, Neil Gorsuch, Amy Coney Barrett sowie der republikanische Richter Samuel Alito.
Das am 22. Januar 1973 verabschiedete Gesetz „Roe versus Wade“ sprach erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten jeder Frau das grundsätzliche Recht auf Selbstbestimmung über ihren Körper und somit über den Verlauf von Schwangerschaften zu, festgehalten im 14. Zusatzartikel in der Verfassung der USA. Bis dato! Denn nun ‒ keine 30 Jahre später ‒ entwickelt sich das Recht auf Gleichbehandlung allem Anschein nach rückwärts; zurück zu dem religiös-fanatischen, konservativen, frauenfeindlichen Bild, welches seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden tief in der Gesellschaft verankert ist. Frauenfeindlichkeit ist ‒ zumindest in vielen Ländern wie den Vereinigten Staaten ‒ immer noch gesellschaftlich geduldet. In vielen Augen liege die Verantwortung bei dem weiblichen Geschlecht, welches „zu stark mit seinen Reizen spielt“ und so die „armen Männer“ zu unangemessenen Handlungen provoziert. Fragen wie: „Was hatte das Mädchen an, als er sie belästigte?“ oder Aussagen wie: „Da braucht sie sich nicht zu wundern, dass so etwas passiert, bei dem knappen Outfit“, zeigen noch patriarchalische Erziehungsstrukturen, nach denen Männer unfähig seien, ihre Triebe zu zähmen.

Diederichs Frauenbild

Solche Ansichten sind auch Heinrich Manns Protagonisten Diederich Heßling nicht fremd: Ungeniert nimmt er sich das Recht heraus, Frauen wie Käthchen Zillich oder Guste Daimchen anzugrabschen, sie zu sexuellen Handlungen zu nötigen und anschließend seine eigene Verantwortung zu leugnen. Ungeniert beeinflusst er gerichtliche Prozesse zu seinem eigenen Vorteil. Recht und Gerechtigkeit spielen für ihn nur eine untergeordnete Rolle. Und das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung sowieso. Wie heute, so ist es auch damals die Frau, die durch körperliche Nähe außerhalb des Heiligen Bundes der Ehe in der Gesellschaft geächtet wurde ‒ während der Ruf des Mannes keinerlei Schaden nimmt. Diederich selbst sieht sich als Frauenheld, Casanova oder Romeo, während er Agnes zu einem ‚Flittchen‘ degradiert. Für eine Heirat kommt so eine ‚Schlampe‘ für einen Ehrenmann wie ihn natürlich nicht mehr in Frage. ‚Slut Shaming‘, so nennt man ebendiese Herabwürdigung von Frauen für ihren offenen Lebens- und Kleidungsstil heute ‒ auch durch andere Frauen! So auch zu Zeiten Diedels, der eine besitzergreifende, nicht zu Gleichberechtigung fähige, degradierende Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht einnimmt. Gegenüber Agnes. Gegenüber Käthchen. Gegenüber Guste. Da macht er keinen Unterschied! Da differenziert er nicht! Da spielt Individualität keine Rolle!

In einigen amerikanischen Schulen und Hochschulen gibt es mitunter Verbote für Schülerinnen, Shirts mit Spaghettiträgern und kurze Hosen zu tragen, um den Anreiz auf sexuelle Übergriffe und die Bereitschaft zu sexualisierter Gewalt gegen Mädchen zu senken ‒ anstatt die Jungen so zu erziehen, dass es für sie selbstverständlich ist, die persönlichen Freiheitsrechte eines jeden zu wahren, auch und vor allem besonders die junger Mädchen. Dieser fragwürdige pädagogische Ansatz ist naiv, wenn nicht sogar sexistisch-stupide; signalisiert er doch dem männlichen Geschlecht stattdessen frühzeitig, dass es nicht seine Schuld sei, sollte er Gedanken und Fantasien über sexuelle Übergriffe besitzen und ausleben. Deutlich macht dies auch das ‒ in meinen Augen ‒ zu milde Strafmaß bei ebendiesen Vorfällen. Es hat keinerlei abschreckende Wirkung und ist für jedes Opfer sexueller Gewalt oder Nötigung ein herber Schlag ins Gesicht.

Der Untertan ‒ Ein Klassiker

Diese Rückentwicklungstendenzen zum unemanzipierten Frauenbild des 19. Jahrhunderts hätten Diederich Heßling ganz sicher keinerlei Sorgen bereitet, den damaligen wie heutigen Leser:innen allerdings schon. Es ist vorstellbar, dass Frauenrechte und Freiheiten in den nächsten Jahren auch hier in Deutschland eingeschränkt werden und dass die Frau allmählich wieder hinter den Herd zu den Kindern verbannt wird. Dabei wäre eine gesellschaftliche Veränderung seit Langem von Nöten. Dies geschieht aber nur, wenn die Ursachen des Problems erkannt, die Menschen also sensibilisiert werden. Es ist von äußerster Wichtigkeit, die Komplexität der Problematik als solche zu begreifen, um adäquate Lösungen zu finden und gerade diese aufzuzeigen, wie etwa Manns Klassiker das vermag: „(Es ist) ein nicht nur literarisch ganz außerordentliches, sondern absolut erschreckend prophetisches Buch“ (Klaus Mann an Katia Mann, Amsterdam, 8. Februar 1936). Und auch Alfred von Fischel ist der Meinung, die Menschheit könne aus der Vergangenheit lernen, um oft wiederholte Fehler in Zukunft zu vermeiden und eine harmonischere, modernere und gleichberechtigtere Gesellschaft zu formen: „Er [der Untertan] wird abgesehen von seinem hohen, ästhetischen Gehalt als ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte stets denkwürdig bleiben.“ (Alfred von Fischel an Heinrich Mann, Brünn, 17. Januar 1918)

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