Text 9 von Moritz Rauch

Sind Klassiker noch aktuell?

Moritz Rauch 

Die meisten Schüler:innen verstehen nicht warum, doch die klassische Literatur spielt immer noch eine große Rolle an deutschen Schulen. Doch ist die verpflichtende Behandlung dieser Werke überhaupt noch zeitgemäß? Mit Blick auf den Roman Der Untertan von Heinrich Mann wird die aktuelle Relevanz deutlich. 

Mittlerweile ist es zu einer grundsätzlichen Debatte über die Frage gekommen, ob klassische Literatur noch fester Bestandteil der Schulbildung sein sollte. Viele Schüler:innen erkennen keinen wirklichen Mehrwert darin. Sie wollen mehr für ihr Leben lernen und weniger vermeintlich Unnützes im Unterricht behandeln, womit sie fundamentale Kritik am Bildungssystem ausüben. Die klassischen Texte halten sie für veraltet, den Satzbau für unnötig kompliziert und das Vokabular ist ihnen teilweise fremd. Wäre es da nicht vernünftig, den Unterricht stattdessen mit modernerer Literatur zu füllen, um bei mehr jungen Menschen das Interesse am Lesen zu wecken?

Doch gerade alte Werke haben eine Bedeutsamkeit, nicht nur für den Umgang mit komplizierten Texten und das Erlernen neuen Vokabulars zur Erweiterung des Wortschatzes, sondern auch kulturell sind die deutschen Klassiker für die Bildung von enormer Wichtigkeit. Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach dem bekannten Mythos als "Volk der Dichter und Denker" sieht, sollte das literarisch-kulturelle Erbe weitergegeben werden. Natürlich könnten die Verleger manchen Schüler:innen entgegenkommen, indem sie die Werke umschreiben lassen, um Satzbau und Vokabular zu vereinfachen. Allerdings würde das vieles vom Charme alter Literatur nehmen und das Original verfälschen ‒ manche würden sagen verhunzen. Gerade die Unterschiede in der Sprache im Vergleich zu heute sind interessant und lehrreich, da sie zeigen, dass Sprache immer im Wandel ist. Erläuterungen und Modernisierungen oder auch ein zusätzlicher Kommentar zum Werk können jedoch eine sinnvolle Hilfestellung leisten. 

Zusätzlich hat klassische Literatur selbstverständlich auch eine inhaltliche Bedeutsamkeit. Der Roman Der Untertan von Heinrich Mann ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Er wurde 1911 bis 1914 verfasst und ist kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs in Auszügen in Zeitungen publiziert worden. Doch erst 1918 konnte er als Buchausgabe erscheinen. Mit der Hauptfigur Dietrich Heßling wird der typisch deutsche Untertan des deutschen Kaiserreichs dargestellt. Merkmal seiner Identität ist die bedingungslose Untergebenheit gegenüber Mächtigen und der krankhafte Drang, Macht gegenüber Schwächeren auszuüben. Dieser „deutsche Charakter“ wird auf eine satirische Weise durch das ganze Buch hinweg aufgezeigt. Ein weiteres Merkmal ist die abwertende Haltung gegenüber Frauen, wie sie durch Diederichs überheblichen und rücksichtslosen Umgang mit seinen Schwestern und später mit seiner Ehefrau Guste deutlich wird. Des Weiteren werden der Antisemitismus und der weitreichende Hass gegenüber allen Andersdenkenden wie Liberalen und Sozialdemokraten thematisiert. So prügelt Diederich in seiner Jugend auf einen jüdischen Mitschüler ein und versucht als Erwachsener, alle Sozialdemokraten aus seinem Betrieb zu entlassen. 

Heinrich Mann ermöglicht mit seinem Werk, den deutschen Menschen zur Zeit des Wilhelminismus zu verstehen. Es wird dadurch nachvollziehbar, wie es zum Ersten Weltkrieg und später zur Herrschaft der Nationalsozialisten und dem Zweiten Weltkrieg kommen konnte. Der so dargestellte Charakter verdeutlicht, wie sowohl das sadomasochistische Machtverständnis von Unterwürfigkeit und Herrschaftsanspruch und Verantwortungslosigkeit als auch das Missachten des eigenen Gewissens einen fruchtbaren Boden für die sozialdarwinistischen und menschenfeindlichen Theorien der Nazis bilden. 

Doch der Roman hilft uns nicht nur, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern hat auch eine aktuelle Relevanz. Beispielsweise sind nach einer Umfrage der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung etwa 25 Prozent der 18- bis 29-jährigen Deutschen der Meinung, dass es "einen starken Führer" geben sollte, "der sich nicht um Parlamente und Wahlen kümmern muss". Gleichzeitig konnten populistische und chauvinistische Kräfte in den letzten Jahren, innerhalb der Europäischen Union und außerhalb, an Einfluss gewinnen und Wahlen für sich entscheiden. Im Hinblick auf diese Entwicklung ist es absolut notwendig, an die Geschichte zu erinnern und sie zu verstehen, wobei Der Untertan mit seiner Aufklärung über das Entstehen tyrannischer Herrschaftsstrukturen eine wichtige Rolle spielen kann. 

Doch auch abgesehen von der Unterwerfung unter einen politischen Führer lässt sich eine moderne Form der Untertanen-Gesellschaft erkennen, die Heinrich Mann bereits selbst in einem Vorwort einer neueren Ausgabe seines Romans im Jahr 1929 aufzeigt. Dieser moderne Untertan würde sich anderen Mächtigen, beispielsweise in der Wirtschaft, unterordnen und ihre Macht aufgrund seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit als Schicksal annehmen. Das Kennzeichen dieses Untertanen sei auch der Verzicht auf Eigenverantwortung und das Ignorieren seines Gewissens. 

Heutzutage empfinden viele die bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse als naturgegeben und hinterfragen diese nicht. Statt aufzubegehren wird vieles hingenommen. Der Klimawandel beispielsweise ist für die Deutschen eine der größten Bedrohungen dieser Zeit. Trotzdem wird die Problematik im Alltag von den meisten ignoriert und nur wenige fordern die Politik aktiv zum Handeln auf. Zudem üben die Menschen wenig Druck auf die Regierung aus, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen oder Reiche stärker zu besteuern, obwohl eine deutliche Mehrheit sich in Umfragen dafür ausspricht. 

Die Menschen sind immer noch gut darin, ihre eigene Verantwortung zu verleugnen. Wer trägt Schuld am Leiden des Tieres für meine Wurst? Die hat der Bauer. Wer ist schuld am Klimawandel? Die Chines:innen oder die Amerikaner:innen. Beim Kauf von Fast-Fashion, Billigfleisch oder immer größeren Autos schafft der Mensch es, sein Gewissen auszublenden. Heinrich Mann schreibt 1929, was auch heute noch stimmt: "Wir werden noch viel Verantwortung lernen müssen" (Vorwort zu Der Untertan). 

Die klassische Literatur ist also auch heutzutage keinesfalls wenig bedeutsam für unsere Gesellschaft. Sie zu lesen, kann die Schüler:innen nicht nur bilden, sondern, wie im Fall des Romans Der Untertan, auch über die Gefahren des Verantwortungsverlusts und der Gewissenlosigkeit im geschichtlichen Kontext aufklären. Gerade im "Land der Dichter und Denker" sollte klassische Literatur weiterhin behandelt und interpretiert werden, wobei deren Relevanz für das politisch-gesellschaftliche Hier und Heute immer wieder zur Diskussion stehen wird.

Nach oben scrollen