Der Aufstieg Diederich Heßlings
Diederich Heßlings unternehmerische Anfänge
Knöpfe werden aus den Lumpen aussortiert. Da sie Verwendungswert besitzen, werden sie manchmal von den Arbeiterinnen heimlich mitgenommen. Im Roman lässt sich Diederich als Kind von den Frauen oft Knöpfe zustecken, damit er sie nicht bei seinem Vater, den sie fürchten, verpetzt. Als er einmal genug Knöpfe gesammelt hat, tauscht er sie beim Krämer gegen Bonbons ein…
Zum Weiterdenken
Schon als Kind genießt Diederich es, seine Macht, die ihm als Sohn des Firmenchefs zufällt, auszuspielen (s. in der Textstelle).
Wie gebrauchen Menschen, die du kennst (aus deinem privaten Umfeld oder in der Öffentlichkeit stehende), ihre Macht?
Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen bald, es dem Vater zu melden, daß sie sich Bier holten, und bald ließ er kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und eine Schneidemaschine vervollständigten die Einrichtung. Er selbst zählte die Bogen nach. Die von den Lumpen abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, daß er die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele beisammen, daß ihm der Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er den letzten Malzzucker zerlutschte, sich ins Bett und betete, angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte diesmal die Hand, und in die eine Bürste seines silberigen Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend, eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er außer Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdächtigen Eindringling. „Du betrügst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen totzuschlagen.“ (Der Untertan, Kap. I)
Übernahme der Papierfabrik
Nach dem Tod des Vaters und abgeschlossenem Studium in Berlin übernimmt Diederich Heßling die rückständige Papierfabrik der Familie. Gleich zu Beginn macht er deutlich, was er von seiner Arbeiterschaft erwartet: „Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige […]. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich“ (Der Untertan, Kapitel III).
Heinrich Mann schreibt von dem unaufhaltsamen Aufstieg des Bürgers Heßling, der dank seines politischen Talentes aus einer Position der Schwäche heraus zu einem wirtschaftlich wie politisch machtvollen Repräsentanten seiner Heimatstadt Netzig wird. Die leitende Frage lautet: Wie schafft Diederich Heßling das?
Zum Weiterdenken
- Suche in den Medien nach aktuellen Schlagzeilen zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in Deutschland und in der Welt.
- Diederich Heßling trägt seine kaisertreue Gesinnung als Maske, um Geschäfte zu machen, um „daran zu verdienen“ (Der Untertan, Kap. IV). Politik und Geschäft sind hier unauflöslich miteinander verschmolzen.
Wie verhält sich dagegen ein Mensch, der echte Überzeugungen hat? Was meinst du?
Und was verstehst du/versteht man unter einer echten Persönlichkeit?
Für den Unterricht
Zusatzinfo
Heinrich Mann schreibt 1906 an seinen Jugendfreund Ludwig Ewers, er habe den „durchschnittlichen Neudeutschen“ schildern wollen und insofern hat die Figur Diederich Heßling repräsentative, musterhafte Funktion. Auch der zunächst geplante, dann fallen gelassene Untertitel „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II.“ betont dies. 1911 spricht Heinrich Mann von dem „widerwärtig interessanten[n] Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseren Wissens und politischen Selbstkasteiers“.
Fiktion nach realem Vorbild
Heinrich Mann hat für seinen Roman sorgfältig recherchiert. Für die korrekte Fachsprache und technischen Details besuchte er sogar eine Papierfabrik, wie er seinem Freund Ludwig Ewers schrieb: „In München habe ich eine große Papierfabrik […] eingehend besichtigt: Alles für meinen neuen Romanhelden. Er ist ziemlich gut fundiert und heute habe ich die ersten Sätze niedergeschrieben.“ (12. Juni 1907)
In Kenntnis der Materie setzt Heinrich Mann Signale im Roman, die die Papierfabrik von Diederichs Vater als technisch überholt kennzeichnen, wie beispielsweise die Tatsache, dass die Papierfabrik als Rohstoff noch Lumpen einsetzt. Damit sind die Produkte der Heßling’schen Papierfabrik für die industriellen Verwendungen wie Buch- und Zeitungsdruck, die im Laufe der 1890er-Jahre an Fahrt aufnehmen, entweder nicht geeignet oder zu teuer.
Gut zu wissen
Heinrich Mann ist bemüht, „gut fundiert“ zu schreiben. (Mehr dazu findest du hier.) Jedoch ging es ihm nicht um ‚fotographische‘ Wiedergabe der Realität, sondern um deren ästhetische Verarbeitung, mit deren Hilfe er bei seiner Leserschaft einen kritischen Bewusstseinsprozess in Gang setzen wollte.
Zur kritischen Analyse der Gesellschaft dient Heinrich Mann die Satire. So hält er der Gesellschaft ‚den Spiegel vor‘.
Was ist „Satire“?
Zum Weiterdenken
- Wenn der Name ‚Diederich Heßling‘ bewusst gewählt wurde (vgl. Einführung), ist die Profession der Hauptfigur dann vielleicht auch nicht dem Zufall überlassen worden?
- Was meinst du: Aus welchen Gründen macht Heinrich Mann seinen Romanhelden ausgerechnet zu einem Papierfabrikanten und promovierten Chemiker?
Für den Unterricht
Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er sachkundig die Frauen überwachte, die auf den Siebplatten der langen Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine Dunkeläugige es unternahm, ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte sie gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak, und sich duckte. Farbige Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die, in die Tische gerammt, die Knöpfe abschnitten. (Der Untertan, Kap. III)
Zur Vertiefung
Materialdossier: Unter [III.3] finden Sie Materialien zum historischen Gehalt von Heinrich Manns literarischer Darstellung.
Diederich Heßlings Rede vor den Fabrikarbeiter:innen
Die Rede
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Hier und an weiteren Stellen nutzt Heinrich Mann originale Wendungen aus Reden Kaiser Wilhelms II.: In der Kaiserimitation durch den Untertanen Diederich Heßling kritisiert Heinrich Mann auch den Kaiser selbst – das ist die geniale Grundidee des Romans.
Zum Weiterdenken
- Male dir deine(n) ideale(n) Chef/in aus. Wie müsste er/sie sein?
- Welche Art von Chef ist Diederich?
Für den Unterricht
Zur Vertiefung
Im Turbokapitalismus des 19. Jahrhunderts kommt den Unternehmern, die kaum an Arbeiterrechte gebunden sind, allumfassende Macht zu – vergleichbar dem ‚Boss‘ im Politischen: dem deutschen Kaiser.
Materialdossier: Unter [III.4] finden Sie eine Transkription des Hörtextes.