Diederich Heßling und die Politik
Die SPD – vom Feind...
Diederich Heßlings Einstellung zur Sozialdemokratie ist vordergründig eindeutig: „Denn für mich ist jede Sozialdemokratie gleichbedeutend mit Feind meines Betriebs und Vaterlandsfeind“ (Der Untertan, Kap. III). Damit befindet er sich auf einer Linie mit den politischen Vorstellungen von Bürgertum und Adel Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese fürchten einen revolutionären Umsturz durch die Arbeiterbewegung, die sich in der sozialdemokratischen Bewegung organisiert. 1878 gelingt es Kanzler Otto von Bismarck, den Reichstag zur Annahme des sogenannten „Sozialistengesetzes“ zu bewegen. Dieses verbietet sozialistische Vereine und Druckschriften. Auf lange Sicht erreicht es aber die gegenteilige Wirkung, die SPD erstarkt.
Gut zu wissen
Die SPD hatte seit 1890 regelmäßig die meisten Wählerstimmen und wurde vor dem Ersten Weltkrieg zur mitgliederstärksten Partei. 1912 stellte die SPD erstmals auch die stärkste Fraktion im Reichstag.
Verbote und polizeistaatliche Verfolgungsmaßnahmen konnten die sozialistischen Ideen nicht unterdrücken. Häufig verstärken solche repressiven Maßnahmen noch den Zusammenhalt derer, denen sie gelten.
Siehst du dazu Parallelen in heutiger Zeit?
Für den Unterricht
Themenvorschläge für Referate/Präsentationen
- Geschichte der Sozialdemokratie
- Wilhelm II.: Mit Reformen gegen die „rote Gefahr“ – eine Rechnung geht nicht auf
... zum Freund
Und schließlich verhilft die SPD Diederich Heßling zu seinem großen Ziel, mit dem er „Netzig erobern“ (Der Untertan, Kap. V) will: der Errichtung eines Denkmals zu Ehren des Kaiser Wilhelms I. Es gelingt ihm mittels Korruption und politischer Intrigen, den Bau in Netzig durchzusetzen. Dazu paktiert er mit den ihm so verhassten Sozialdemokraten. Er vereitelt die Pläne der Freisinnigen, die sich alternativ für die Errichtung eines Säuglingsheims stark gemacht haben.
Zum Weiterdenken
Dass das Kaiser-Wilhelm-Denkmal nur Mittel im Wahlkampf ist, wird im Roman unmissverständlich deutlich gemacht: „Nach dem Rummel der Wahlzeit hieß es nun wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. […] Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war wie Schwamm oder Zahnbürste [also: egal, Anm. d. Redaktion] […].“ (Der Untertan, Kap. V)
- Wahlversprechen gehören zu Wahlen wie Straßenplakate und Fernsehduelle. Von den großen Ankündigungen bleibt aber oft nichts übrig, wenn die Stimmen ausgezählt sind. Kennst du Beispiele?
- Wie schmutzig ist Wahlkampf? Findest du aktuelle Beispiele?
Denkmalkultur im Kaiserreich
Im Kaiserreich lässt Kaiser Wilhelm II. zahlreiche solcher Denkmäler für seinen Großvater Wilhelm I. errichten. Der Kaiser will damit einen monarchisch-nationalen Kult um den Großvater, der 1871 das Kaiserreich begründete, fördern. Bis heute sind in Deutschland viele Denkmäler aus der Kaiserzeit erhalten. Sehr bekannt sind diejenigen an der Porta Westfalica und am Deutschen Eck in Koblenz. Auch in Lübeck gibt es ein Kaiser-Denkmal.
Zum Weiterdenken
- Der Schriftsteller Robert Musil hat einmal gesagt: „Das Auffallendste an Denkmälern“ sei, „dass man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.“ (Robert Musil: Nachlass zu Lebzeiten, 1936)
Stimmst du dieser Äußerung zu? - Wie lange werden wir die Kaiser-Wilhelm-Denkmäler noch betrachten oder verstehen?
- Wer hat heute noch Interesse an solchen Denkmälern aus der Kaiserzeit? Und warum?
- Wann werden Denkmäler gestürzt oder geraten in die Kritik?
- Welche Denkmäler geben uns heute ‚zu denken‘?
Bismarck und sein Gedenken
Reichskanzler Otto von Bismarck prägt mit seiner Politik maßgeblich die ersten zwanzig Jahre des Kaiserreichs. Ab 1862 ist er preußischer Ministerpräsident und wird 1871 zum ersten Kanzler des neu gegründeten Kaiserreichs ernannt. Nach Zerwürfnissen entlässt ihn Kaiser Wilhelm II. 1890. Auch wenn er zur Handlungszeit des Romans nicht mehr im Amt ist, findet er dennoch Erwähnung und wird von Diederich Heßling als Vertreter des Kaiserreichs verehrt. Diese Büste entspricht der traditionellen Darstellungsweise bedeutender Persönlichkeiten des Kaiserreichs. Sie ist damit ein Relikt der Vergangenheit und setzt sich von der heutigen Erinnerungskultur deutlich ab.
Gut zu wissen
Das Denkmal des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815–1898) von Hans Hundrieser und das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (1797–1888) nach einem Modell des Bildhauers Loius Tuaillon stehen sich am Lübecker Lindenplatz gegenüber.
Während das Denkmal Otto von Bismarcks bereits fünf Jahre nach dem Tod des Reichskanzlers erreichtet wird, hat das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms eine bewegte Geschichte: 1912 wird der Auftrag an den Bildhauer Louis Tuaillon zwar vergeben, der Erste Weltkrieg verhindert den Guss der Statue jedoch aus Materialmangel. Bronze wird zum Gießen von Kanonenkugeln benötigt. 1919 stirbt schließlich der Künstler. Obwohl der Lübecker Senat den Auftrag noch vergibt und die Statue nach dem Modell Tuaillons gegossen wird, verhindert die Bürgerschaft 1922 ihre Aufstellung. Die Statue gelangt zunächst in Privatbesetz und wird erst 1934 von den Nationalsozialisten öffentlich am Lindenplatz errichtet, um die nationale Geschichte zu ehren. Die Restaurierung im Jahr 2020 löst schließlich eine Diskussion über den Wert der Erhaltung eines solchen Denkmals aus.
Kaiser Wilhelm und sein Militär
Das 1871 gegründete deutsche Kaiserreich geht aus drei Kriegen hervor, den sogenannten Einigungskriegen. Im nationalen Siegestaumel wird das Militär zur angesehensten gesellschaftlichen Schicht. In der Folge fährt Kaiser Wilhelm II. ein gigantisches Rüstungsprogramm auf, innerhalb weniger Jahre verdoppelt sich der Rüstungshaushalt des Deutschen Reiches. Die Kommandogewalt hat in der konstitutionellen Monarchie der Kaiser selbst inne. Ihm kommt die alleinige Macht über Krieg und Frieden zu, auf ihn schwören die Soldaten ihren Eid. Leitend ist für Wilhelm II. dabei auch die fast panische Angst, das Heer könne sozialistisch unterwandert werden.
Ein paar Worte von Kaiser Wilhelm…
„Ihr habt mir Treue geschworen. Das – Kinder meiner Garde – heißt, ihr seid jetzt meine Soldaten, ihr habt euch mir mit Leib und Seele ergeben. Es gibt für euch nur einen Feind, und der ist mein Feind. Bei den jetzigen sozialistischen Umtrieben kann es vorkommen, dass ich euch befehle, eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen. Auch dann müsst ihr meine Befehle ohne Murren befolgen.“ (Aus einer Rekrutenansprache)
Für den Unterricht
Materialsammlung
Der Kaiserbefehl bedeutet einen Paradigmenwechsel für die Armee, das Heer wird nun zum Kampfinstrument gegen den inneren Feind. Dass als solcher nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die Juden sowie Intellektuelle/Künstler gelten, wird im Roman deutlich.
Mehr dazu hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/angst-vor-der-gefahr-von-links-102.html
Textstelle
„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ […] „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber [Diederich Heßling, Anm. d. Red.], wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.“ (Der Untertan, Kap. I)
Militärische Gesellschaft
Soldatische ‚Tugenden‘ wie Zucht und Ordnung, Pflicht und Disziplin, prägen das gesamte gesellschaftliche Leben von der Erziehung in der Familie, über die Volksschule und Universitäten bis hin zu den Fabriken. Dazu trägt auch die allgemeine Wehrpflicht bei. Dass nicht selten Drill und sadistische Gewalt die Dienstzeit bestimmen, tut der gesellschaftlichen Anerkennung des Militärs keinen Abbruch. Die Verehrung alles Militärischen spiegelt sich in einer uniformistischen, streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaft.
Zum Weiterdenken
Heinrich Mann, 1871 geboren, ist selbst ein Kind dieser Zeit. Das Foto zeigt ihn im Alter von fünf Jahren, umgeben von Kinderspielzeug.
Sieh dir das Foto genau an.
Welche Hinweise darauf, dass sich die Begeisterung für das Militärische selbst im Alltag zeigt, kannst du entdecken?
Und ginge man nun zu Tisch, könnte es sehr gut sein, dass das Essen auf Tellern mit gemalten Schlachtenszene serviert würde…
Für den Unterricht
Textstelle: Diederichs Militärdienst
Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen an. Kompanieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, „abgerichtet“. Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“ und gab den Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. (Der Untertan, Kap. I)
Von Manövern und Militärparaden
Manöver demonstrieren penetrant die staatliche Wehrhaftigkeit. Als „Kaisermanöver“ wurde während der Zeit des Deutschen Kaiserreiches das bedeutendste Militärmanöver bezeichnet, das alljährlich in Gegenwart des Kaisers stattfand. Auch in anderen europäischen Ländern waren derartige Großübungen zu jener Zeit üblich, etwa dem Russischen Kaiserreich oder dem Königreich Italien.
Militärparaden sind allseits beliebte Volksfeste. In Frankreich ist die Militärparade am 14. Juli auch heute immer noch ein Ereignis mit Volksfestcharakter. Allerdings erheben sich inzwischen auch kritische Stimmen, die eine Beendigung eines derartigen Militäraufmarsches fordern, der in den meisten anderen (west-) europäischen Demokratien heutzutage mit Befremden gesehen wird. In autokratisch oder diktatorisch geführten Staaten allerdings ist es immer noch verbreitet, die militärische Stärke der Nation zur Schau zu stellen.
Zum Weiterdenken
- Welchem Zweck dienen Militärmanöver heute?
- Was ist der Unterschied zwischen einem Manöver und einer Parade?
- Der Stellenwert des Militärs ist heute in Deutschland wieder höher. Worin zeigt sich das? Woran liegt das?
- Und woran liegt es, dass das jahrelang nicht so war?
Für den Unterricht
Themenvorschläge für Referate/Präsentationen
- Wehrpflicht in Deutschland
- Militärdienst = Ehrendienst?
- Die spanische Prinzessin Leonor geht zum Militär – Frauen im Militärdienst
Aus der Realität in den Roman
Diese Waffen stehen stellvertretend für die große Bedeutung, die dem Militärwesen im Kaiserreich zukommt. Diederich Heßling organisiert zur Einweihung des Kaiser-Denkmals einen großen Festakt. Er bewundert die hochrangigen Offiziere und erkennt zugleich seine minderwertige Position: „und Diederich musste auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.“ (Der Untertan, Kap. VI) Im Kaiserreich gehört es zum Alltag des Militärs, Waffe zu tragen und damit die eigene Wehrhaftigkeit zur Schau zu stellen.