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Gesellschaftspanorama in Netzig

Gesellschaftspanorama in Netzig

Ein spaltender Vorfall

„Da fiel ein Schuss“ (Der Untertan, Kap. III). Ein Arbeiter ist von einem Wachtposten erschossen worden, und die ganze Stadt Netzig läuft vor dem Ratskeller zusammen. Es herrscht große Aufregung. Man beginnt heftig über die Schuldfrage zu diskutieren. Rasch entstehen zwei Lager: Auf der einen Seite stehen Diederich Heßling, der Jurist Jadassohn und Pastor Zillich. Man ist der Überzeugung, dass der Wachtposten richtig gehandelt und eine Ehrung verdient habe. Auf der anderen Seite empören sich der Arzt Heuteufel und der Fabrikant Lauer. Sie kritisieren die Heroisierung des Wachtmannes und die Kriminalisierung des erschossenen Arbeiters und seiner trauernden Freundin. Die Episode beruht auf einer wahren Begebenheit, dem sogenannten ‚Fall Lück‘. Dieser ereignete sich 1892 in Berlin, im Anschluss wurde der Wachtposten befördert.

Für den Unterricht

Weiterführendes

„Bei der Darstellung der politischen Parteien im Roman wird besonders deutlich, wie Heinrich Mann die komplexe Wirklichkeit des Kaiserreichs auf die wesentlichsten, repräsentativen Erscheinungen reduziert, um so das Typische klar hervortreten zu lassen: So wählt er aus dem Spektrum der realen politischen Parteien nur diejenigen aus, die die miteinander konkurrierenden Strömungen der Zeit am deutlichsten verkörpern: Konservative (die national Gesinnten mit ihrem antisemitischen Ideologen, dem Hofprediger Stöcker), (Links-)Liberale (die Freisinnigen) sowie die Sozialdemokratie.“1

1 Vgl. Oldenbourg Interpretaionen Bd. 22 , S. 49.

Hinweis

Im Folgenden werden die Schüler:innen mit den (satirisch überzeichneten) staatstragenden Vertretern der Wilhelminischen Gesellschaft (und ihren liberalen Gegenspielern am Nachbartisch) vertraut gemacht. Der Stammtisch wird erkennbar als Mikrokosmos des deutschen Kaiserreiches. Idealiter erkennen die Schüler:innen, dass der Stammtisch von einst als Stereotyp klischeehafter, oberflächlicher, diskriminierender Debatte heute durch soziale Medien ersetzt wird.

Zwei Fronten

Im Roman finden sich im Anschluss des Geschehens alle im Ratskeller zusammen. Nach wie vor ist man geteilter Meinung und es bilden sich zwei Tische. Um Diederich versammeln sich Figuren, die zugleich die verschiedenen Institutionen des Kaiserreichs abbilden. Unter starkem Alkoholeinfluss verfassen sie ein Telegramm an den Kaiser, um ihre nationale Gesinnung auszudrücken.

Am zweiten Tisch finden sich die liberal gesinnten Männer, die sogenannten „Freisinnigen“ ein. Sie vertreten Positionen einer offenen, toleranten und auf Gleichheit beruhenden Gesellschaft.

Zum Weiterdenken

  • Was sind wohl ‚Stammtischparolen‘ von heute?
Für Schüler:innen

Die Kirche

Die Protestant:innen stehen dem Kaiserreich positiv gegenüber, sie bilden nach der Reichsgründung die religiöse Mehrheit. So weiß Bismarck sie hinter sich, als er Anfang der 1870er-Jahre den sogenannten Kulturkampf gegen die katholische Kirche entfacht. Damit will er eine strengere Trennung von Kirche und Staat erreichen. Auch Pastor Zillich identifiziert sich im Roman mit dem Kaiserreich und gehört zu den Gründungsmitgliedern der Netziger „Partei des Kaisers“. Für Diederich Heßling gehört der sonntägliche Gang in die Kirche dazu: „Es ist oben erwünscht“ (Der Untertan, Kap. VI). Auch die Frau hat sich diesen Regeln des Hausherrn zu unterwerfen: „Halte dich an die drei großen G, Gott, Gafee und Gören.“ (Der Untertan, Kap. VI) Mehr zum Thema Geschlechterrollen gibt es in einer eigenen Themenspur zu erfahren.

Bibel, brauner Ledereinband mit Goldschrift und gravierten silbernen Schnallen. F.A. Brockhaus, Leipzig 1885. St. Annen-Museum, Lübeck | © Buddenbrookhaus, Michael Haydn

Die Presse

Schreibmaschine, Adler, Typ Nr. 7 (Hersteller: Adlerwerke vorm. Heinrich Kleyer AG, Frankfurt a. M.), 1898, (Guss)Eisen. St. Annen-Museum, Lübeck | © Buddenbrookhaus, Michael Haydn

Mit dem wachsenden Gewicht der öffentlichen Meinung, der steigenden Alphabetisierung und der Zunahme eines lesefreudigen Publikums explodiert der Zeitungsmarkt. Die politischen Akteure erkennen die Macht der Medien.

Diederich Heßling teilt die damals herrschende Ablehnung gegen die Presse und deren Vertreter:innen. Dies wird beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Redakteur der Netziger Zeitung, Nothgroschen, deutlich. Doch Heßling erkennt auch den Einfluss des Mediums und weiß, wie er ihn für sich nutzen kann. Er verfasst ein angebliches Glückwunsch-Telegramm des Kaisers an den Wachtposten, der den Arbeiter erschossen hat. Es erscheint ohne Richtigstellung in der Zeitung.

Das 1874 erlassene Reichpreßgesetz, das die Freiheit der Presse garantieren soll, wird mit dem „Sozialistengesetz“ nahezu vollständig außer Kraft gesetzt. Der Kaiser verfolgt die Berichterstattung genau und versucht, ihm unliebsame Berichte zu unterbinden. Die Regierung bezahlt ganze Redaktionen. Vermeintlich staatsgefährdende Schriften werden verboten.

Die Justiz

Der § 95 im Reichsstrafgesetzbuch behandelt im Kaiserreich den Tatbestand der Majestätsbeleidigung und kann als politisches Machtinstrument verstanden werden. Vielfach werden solche Situationen von Vertretern der Justiz genutzt, um Kaisertreue zu beweisen und so ihre Karriere voranzutreiben.

Nach der erhitzten Debatte um den erschossenen Arbeiter kommt es am Tisch der Liberalen zu einer Majestätsbeleidigung. Der Fabrikbesitzer Lauer äußert gegenüber Diederich Heßling, dass Fürstenhäuser „verjudet“ seien. Staatsanwalt Jadassohn macht sich Notizen, um später einen Prozess gegen Lauer anzustrengen. An dieser Stelle beweist Heinrich Mann erneut, dass er alle gesellschaftlichen Gruppen des Kaiserreichs kritisch beobachtet – unabhängig von ihrer politischen Gesinnung: Die antisemitische Äußerung erfolgt durch einen fortschrittlichen Liberalen. Der Beleidigungsprozess wird von einem Juden geführt.

Das Militär/Die Kriegervereine

Die preußische Armee führt den berühmt berüchtigten Stahlhelm mit Stachel bzw. Spitze 1842 ein. Bei einigen Exemplaren lässt sich die Spitze, die Hiebe mit Blankwaffen seitlich ablenken soll, abschrauben und durch ein Büschel aus Rosshaar ersetzen – eine beliebte modische Variante bei Paraden. Der praktische Nutzen des Helms erweist sich nicht: Zu weit gucken die Stacheln aus den Schützengräben des Ersten Weltkrieges hervor. Im Ausland wird die Pickelhaube zum Sinnbild des deutschen Militarismus. Sie gehört zum festen Bildinventar jeder anti-deutschen Karikatur.

Pickelhaube des 76. Regiments. Kaiserlicher Adler mit F. R. (Fredericus Rex) vor der Brust und Spruchband: „Mit Gott für König und Vaterland“, 1883, Lübeck. St. Annen-Museum Lübeck | © Buddenbrookhaus, Michael Haydn

Das Bildungswesen

Diederich Heßling wächst mit einem prügelnden Vater und strafenden Lehrern auf: „Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm“ (Der Untertan, Kap. I). Zugleich lernt Diederich schon in der Kindheit, diese Autoritäten zu verehren: „[…] daß die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius [Lehrer, Anm. d. Red.] bekränzte man Katheder und Tafel, Diederich umwand sogar den Rohrstock“ (Der Untertan, Kap. I).

Die Wirtschaft

Prototyp mit Weltmachtstatus, recyceltes Papier, perforiert. Wird in der Krise besonders den Deutschen zum überlebenswichtigen Gut | © Buddenbrookhaus, Michael Haydn

Diederich Heßlings geniale Erfindung zur sittlichen Erhebung des Volkes wird zum wichtigen Exportschlager. „Sie trat unter dem Zeichen ‚Weltmacht’ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik siegreich durch die Welt“ (Der Untertan, Kap. VI). Heßling profitiert mit seiner Papierfabrik von dem rasanten Aufschwung der 1890er-Jahre, nicht zuletzt aber auch durch seine politischen Intrigen. Dass er mit seinem Produkt die angepriesene „Weltmacht“ zum Abwischen des Allerwertesten herabwürdigt, scheint Diederich nicht aufzufallen. Vielmehr will er mit seiner Erfindung nicht nur Profit machen, sondern auch den patriotischen Geist bis ins letzte Örtchen tragen.

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