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Ein kaiserlicher Schnäuzer

Ein kaiserlicher Schnäuzer

Majestätische Barttracht

Kaiser-Wilhelm-Bart, organisch, bestehend aus Haar (Hornfaden aus Keratin), typisch für Säugetiere

Bevorzugte Barttracht von Kaiser Wilhelm II.: Langer, gezwirbelter Schnauzbart, dessen Enden seitlich des Mundes bogenförmig nach oben gedreht werden; zur Formgebung werden Bartbinden und Barttinkturen genutzt. Jeder Untertan, der seine Loyalität zum Kaiser zeigen möchte, eifert ihm in der Bartgestaltung nach. Zugleich adelt der Schnauzer seinen Träger, verleiht ihm aristokratischen Glanz und monarchische Autorität. Entsprechend stellt Diederich Heßling im Roman klar: „Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen! […] Es ist die deutsche Barttracht“ (Der Untertan, Kap. III). Kritik und Spott am Bart dürfen folgerichtig als Majestäts- und Vaterlandsbeleidigung aufgefasst werden.

Zum Weiterdenken

  • Gibt es das heute auch? Den ‚Zeitgeist‘ und eine diesem zugehörige Bart- oder Haartracht?
  • Lässt du deine Haare so schneiden wie die meisten anderen auch? Oder so, wie ein bestimmtes Vorbild sie trägt?
  • Oder wendest du dich mit deiner Frisur bewusst gegen den ‚mainstream‘? 
  • Ob Otto Normalverbraucher, anerkannter Schriftsteller oder Künstler – jede/r ist ein Kind seiner Zeit. Wie würdest du den ‚Zeitgeist‘ beschreiben, dessen Kind du bist?
  • Was sind die ‚Zeichen‘ unserer Zeit?
Für Schüler:innen

Für den Unterricht

Weiterführendes

Einen ganz anderen Weg als der Autor selbst nimmt Diederich Heßling. Sein politisches Bewusstsein beschränkt sich auf Äußerlichkeiten und das Rollenspiel im Netzwerk der Macht. Immer weiter fortschreitend, passt er sich dem Zeitgeist an.

Diederich empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch äußerlich an seiner Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die Mittelstraße zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor, die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer häufiger beobachtete. Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er ließ vermittelst einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht. (Der Untertan, Kap. II)

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