Die Macht des Militärs
Wilhelm II. und sein Militär
Das 1871 gegründete deutsche Kaiserreich geht aus drei Kriegen hervor, den sogenannten Einigungskriegen. Im nationalen Siegestaumel wird das Militär zur angesehensten gesellschaftlichen Schicht. In der Folge fährt Kaiser Wilhelm II. ein gigantisches Rüstungsprogramm auf, innerhalb weniger Jahre verdoppelt sich der Rüstungshaushalt des Deutschen Reiches. Die Kommandogewalt hat in der konstitutionellen Monarchie der Kaiser selbst inne. Ihm kommt die alleinige Macht über Krieg und Frieden zu, auf ihn schwören die Soldaten ihren Eid. Leitend ist für Wilhelm II. dabei auch die fast panische Angst, das Heer könne sozialistisch unterwandert werden.
Ein paar Worte von Kaiser Wilhelm…
„Rekruten! Ihr habt jetzt vor dem geweihten Diener Gottes und angesichts dieses Altars Mir Treue geschworen. […] Ihr habt mir Treue geschworen, das – Kinder Meiner Garde – heißt, ihr seid jetzt Meine Soldaten, ihr habt euch Mir mit Leib und Seele ergeben; es gibt für euch nur einen Feind, und der ist Mein Feind. Bei den jetzigen sozialistischen Umtrieben kann es vorkommen, dass ich euch befehle, eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen […] auch dann müsst ihr Meine Befehle ohne Murren befolgen.“ (Kaiser Wilhelm II.: Ansprache bei der Rekrutenvereidigung der Potsdamer Garderegimenter am 23. November 1891)
Zum Weiterdenken
- Und du? Wann würdest du einen Befehl verweigern?
- An welchen Leitlinien/Werten orientierst du dich bei deinen Handlungen?
- Im deutschen Wehrrecht gibt es heutzutage die Möglichkeit, straffrei den Gehorsam zu verweigern, wenn… – Recherchiere: Aus welchen Gründen darf man den Befehl verweigern?
Für den Unterricht
Materialsammlung
Der Kaiserbefehl bedeutet einen Paradigmenwechsel für die Armee, das Heer wird nun zum Kampfinstrument gegen den inneren Feind. Dass als solcher nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die Juden sowie Intellektuelle/Künstler gelten, wird im Roman deutlich. Weitere Informationen dazu finden Sie hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/angst-vor-der-gefahr-von-links-102.html
Textstelle
„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ […] „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber [Diederich Heßling, Anm. d. Red.], wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.“ (Der Untertan, Kap. I)
Materialdossier: Unter [III.5] finden Sie eine Textstelle zu Diederich Heßlings politischer „Bildung“ in der Studentenverbindung.
Militärische Gesellschaft
Soldatische ‚Tugenden‘ wie Zucht und Ordnung, Pflicht und Disziplin, prägen das gesamte gesellschaftliche Leben von der Erziehung in der Familie, über die Volksschule und Universitäten bis hin zu den Fabriken. Dazu trägt auch die allgemeine Wehrpflicht bei. Dass nicht selten Drill und sadistische Gewalt die Dienstzeit bestimmen, tut der gesellschaftlichen Anerkennung des Militärs keinen Abbruch. Die Verehrung alles Militärischen spiegelt sich in einer uniformistischen, streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaft.
Zum Weiterdenken
Heinrich Mann, 1871 geboren, ist selbst ein Kind dieser Zeit. Das Foto zeigt ihn im Alter von fünf Jahren, umgeben von Kinderspielzeug. Sieh dir das Foto genau an. Welche Hinweise darauf, dass sich die Begeisterung für das Militärische selbst im Alltag zeigt, kannst du entdecken?
Und ginge man nun zu Tisch, könnte es sehr gut sein, dass das Essen auf Tellern mit gemalten Schlachtenszene serviert würde…
Textstelle: Diederichs Militärdienst
Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen an. Kompanieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, „abgerichtet“. Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“ und gab den Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. (Der Untertan, Kap. I)
Zum Weiterdenken
Heinrich Mann, 1871 geboren, ist selbst ein Kind dieser Zeit. Das Foto zeigt ihn im Alter von fünf Jahren, umgeben von Kinderspielzeug. Sieh dir das Foto genau an. Welche Hinweise darauf, dass sich die Begeisterung für das Militärische selbst im Alltag zeigt, kannst du entdecken?
Und ginge man nun zu Tisch, könnte es sehr gut sein, dass das Essen auf Tellern mit gemalten Schlachtenszene serviert würde…
Für den Unterricht
Materialdossier: Unter [III.6] finden Sie einen Text zur Macht des Militärs von Kurt Tucholsky.
Von Manövern und Paraden
Manöver demonstrieren penetrant die staatliche Wehrhaftigkeit. Als „Kaisermanöver“ wurde während der Zeit des Deutschen Kaiserreiches das bedeutendste Militärmanöver bezeichnet, das alljährlich in Gegenwart des Kaisers stattfand. Auch in anderen europäischen Ländern waren derartige Großübungen zu jener Zeit üblich, etwa dem Russischen Kaiserreich oder dem Königreich Italien.
Militärparaden sind allseits beliebte Volksfeste. In Frankreich ist die Militärparade am 14. Juli auch heute immer noch ein Ereignis mit Volksfestcharakter. Allerdings erheben sich inzwischen auch kritische Stimmen, die eine Beendigung eines derartigen Militäraufmarsches fordern, der in den meisten anderen (west-) europäischen Demokratien heutzutage mit Befremden gesehen wird. In autokratisch oder diktatorisch geführten Staaten allerdings ist es immer noch verbreitet, die militärische Stärke der Nation zur Schau zu stellen.
Zum Weiterdenken
- Welchem Zweck dienen Militärmanöver heute?
- Was ist der Unterschied zwischen einem Manöver und einer Parade?
- Der Stellenwert des Militärs ist heute in Deutschland wieder höher. Worin zeigt sich das? Woran liegt das?
- Und woran liegt es, dass das jahrelang nicht so war?
Für den Unterricht
Themenvorschläge für Referate/Präsentationen
- Wehrpflicht in Deutschland
- Militärdienst = Ehrendienst?
- Die spanische Prinzessin Leonor geht zum Militär – Frauen im Militärdienst
Aus der Realität in den Roman
Diese Waffen stehen stellvertretend für die große Bedeutung, die dem Militärwesen im Kaiserreich zukommt. Diederich Heßling organisiert zur Einweihung des Kaiser-Denkmals einen großen Festakt. Er bewundert die hochrangigen Offiziere und erkennt zugleich seine minderwertige Position: „und Diederich musste auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.“ (Der Untertan, Kap. VI) Im Kaiserreich gehört es zum Alltag des Militärs, Waffe zu tragen und damit die eigene Wehrhaftigkeit zur Schau zu stellen.
Zum Weiterdenken
- Zu welchen öffentlichen oder repräsentativen Anlässen werden Waffen auch heute getragen? Wo? Und von wem?
- Zu welchen öffentlichen oder repräsentativen Anlässen werden auch heute noch Uniformen getragen? Wo? Und von wem?
- Geht von Uniformen in Zeiten von Selbstverwirklichung und individueller Selbstbestimmung immer noch Attraktivität und Faszination aus?