Die Politik der Brüder Mann
Politischer Wandel und Bruderzwist
Den Brüdern Mann war von ihrer sozialen Herkunft her das Bekenntnis zur Demokratie nicht in die Wiege gelegt. Sie wuchsen als Söhne eines politisch einflussreichen Lübecker Senators und großbürgerlich im Milieu einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie auf. Während der um vier Jahre jüngere Thomas sich im Kaiserreich als aufgeklärter Monarchist erweist, spricht sich der ältere Bruder Heinrich bereits 1904 für die Demokratie aus.
Als Thomas Mann sich mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wie viele andere deutsche Intellektuelle und Künstler:innen von der Kriegseuphorie erfassen lässt, bricht der Bruderzwist offen aus: Zwischen Heinrich und Thomas ist für acht Jahre ‚Funkstille‘, dafür streiten die beiden umso heftiger in ihren Publikationen. Erst nach dem Weltkrieg wird Thomas Mann zum öffentlichen Fürsprecher der Republik. Hitlers Aufstieg zwingt ihn 1933 ins Exil, wo er sich 1936 offen zur Emigration bekennt und dem nationalsozialistischen Deutschland damit eine deutliche Absage erteilt.
Zum Weiterdenken
- Was ist ein Monarchist?
In Der Untertan und darüber hinaus…
Heinrich Mann macht sehr deutlich, dass seine Sympathien diesem nicht gelten:
Im Roman wird der „Hurra“-rufende Diederich in seiner Kaiserverehrung wiederholt lächerlich gemacht: Seine erste Begegnung mit dem Kaiser endet so: „Diederich riss den Hut ab, sein Mund stand weit offen […]. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in der Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf die Schenkel und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.“ (Der Untertan, Kap. I)
Ein „aufgeklärter“ Monarchist sieht den Regenten nicht mehr als von Gott eingesetzten Herrscher, der über jedem Gesetz steht (Gottesgnadentum), sondern als obersten Repräsentanten einer vernünftigen Staatsordnung. Das bedeutet, dass es die Verpflichtung des Regenten ist, dem Allgemeinwohl zu dienen. Der Herrscher ist in der Ausübung seiner Macht begrenzt.
Für den Unterricht
Weiterführendes
Thomas Manns Weg zum glühenden Verfechter der Demokratie ist verzweigter und widersprüchlicher als der seines Bruders. Hervorragendes Unterrichtsmaterial zu diesem Thema gibt es hier vom Literaturhaus München.
Fragwürdige Anfänge
Auch das politische Bewusstsein Heinrich Manns musste sich erst formen. Mitte der 1890er-Jahre, er ist 24 Jahre alt, übernimmt Heinrich Mann die Herausgeberschaft der nationalkonservativen, militant völkischen und antijüdischen Monatsschrift Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt und in seinen Beiträgen die antijüdischen Stereotype seiner Zeit. Erst ab 1903 distanziert er sich von diesen Positionen und charakterisiert die Zeitschrift als „reaktionäres Wurschtblatt“.1
Diese Phase seiner schriftstellerischen Tätigkeit scheint Heinrich Mann sehr peinlich gewesen zu sein, denn er hat zeitlebens darüber striktes Schweigen gewahrt.
1 Zitiert nach Peter Stein: Heinrich Manns Antisemitismus und seine Artikel in der Zeitschrift „Das zwanzigste Jahrhundert“. In: Ders.: Literatur und öffentliches Leben. Heinrich Manns Weg in die Moderne. Würzburg 2020, S. 97-135; hier: S. 114.
Zum Weiterdenken
- Was sind Stereotype?
- Wie entstehen sie und warum können sie gefährlich werden?
- Suche nach Beispielen von Stereotypen in der heutigen Zeit.
Bohemien mit Künstlerhut?!
Auch optisch trägt Heinrich Mann seinen Positionswechsel nach außen: Der Kaiserbart wird durch den Künstlerhut ersetzt. 1910 befindet er sich mitten im Untertan-Projekt. Während der Arbeit an diesem Roman entstehen aber auch weitere, ebenfalls politisch motivierte Werke, das wohl wichtigste davon: der Roman Die kleine Stadt. An seinen Jugendfreund Ludwig Ewers schreibt er: „Ich habe zwei große Romane vor mir, durch die ich mich hindurchkämpfen muss, dann betrachte ich den Hauptteil meines Lebenswerkes als getan“
Interessant zu wissen ist auch, dass Der Untertan Teil einer gesellschaftskritischen Trilogie ist, die Heinrich Mann selbst seine „Kaiserreich-Trilogie“ nannte.
Zum Weiterdenken
- Den Künstlerhut gibt es heute noch!
Fallen dir andere Kopfbedeckungen oder Kleidungsstücke bzw. Kleidungsstile ein, mit denen man seine Überzeugung oder Lebenseinstellung (mal mehr oder weniger bewusst) nach außen trägt?